Die europäische Digitalisierung zu einem Projekt machen, auf das man stolz sein kann
- 5. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
15. Juli 2025
Debatte zur digitalen Souveränität: „Dringlichkeit ist gut, Panik absolut nicht“

Der Ruf nach digitaler Unabhängigkeit ist lauter denn je. Die Dominanz amerikanischer Hyperscaler wie Amazon und Microsoft hat zu wachsenden Sorgen über geopolitische Risiken, Abwanderung von Fachkräften und den Verlust der Kontrolle über kritische Infrastrukturen geführt. Sie bieten zwar schnelle, zugängliche und vielseitige Dienste, doch gleichzeitig wächst das Bedürfnis, weniger abhängig von diesen ausländischen Anbietern zu sein. Digitale Souveränität ist kein abstraktes Ideal mehr, sondern eine dringende Notwendigkeit.
Dieser Fall hat nun auch Den Haag erreicht. Eine Mehrheit des Repräsentantenhauses hat erklärt, dass die weitverbreitete Nutzung amerikanischer Cloud-Dienste durch die Regierung gestoppt werden muss. Diese Dienste stellen nicht nur aufgrund geopolitischer Spannungen ein Risiko dar, sondern führen auch zu einer Abwanderung von Fachkräften und Kapital.
Starke Ausgangsposition: Europa fängt nicht bei Null an.
Die gute Nachricht: Europa verfügt bereits über eine solide Grundlage für den Aufbau einer europäischen digitalen Infrastruktur. Zahlreiche innovative Technologieunternehmen sind auf Cloud-Infrastruktur, Cybersicherheit, Datenspeicherung, Identitätsmanagement und digitale Wertschöpfungsketten spezialisiert. Europäische Lösungen sind bereits für nahezu alle Komponenten einer vollwertigen digitalen Infrastruktur verfügbar. Was noch fehlt, ist die Integration dieser Technologien in ein zusammenhängendes und skalierbares Ökosystem.
Das Airbus-Modell für die Cloud
„Wenn wir sie vernetzen, machen wir einen Riesenschritt in Richtung digitaler Unabhängigkeit“, sagt Ludo Baauw, CEO der Intermax Group. „Wir müssen nicht jahrelang aufholen. Das Know-how und die Innovationskraft sind bereits vorhanden. Wenn wir unsere Strategie an der Luftfahrtindustrie orientieren, haben wir sogar die große Chance, in wenigen Jahren die Nase vorn zu haben.“
In den 1970er-Jahren gelang es Airbus, europäische Technologie und Expertise erfolgreich zu vereinen. Seitdem hat das Unternehmen Boeing in vielerlei Hinsicht überholt. „Heutzutage sind Airbus-Flugzeuge leistungsstärker als die von Boeing – etwas, das einst unmöglich schien. Was in der Luftfahrt möglich ist, sollte auch in der Cloud möglich sein“, so Baauw.
Die Rolle von Regierung und Unternehmen
Die Europäische Kommission muss in enger Abstimmung mit Technologieunternehmen und Anbietern digitaler Dienste hier die Führung übernehmen, doch das braucht Zeit. In der Zwischenzeit können wir schneller an einer nationalen Regierungs-Cloud mit einem breiten Spektrum an Diensten arbeiten, die auf offenen Standards und, wo möglich, Open Source basiert. Denken Sie dabei an datenschutzrelevante Informationen aus den Bereichen Gesundheitswesen, Sicherheit, Verteidigung und Rijkswaterstaat (Generaldirektion für öffentliche Arbeiten und Wasserwirtschaft). Dies würde nicht nur die Datensicherheit verbessern, sondern auch europäische Technologieunternehmen stärken, die derzeit von amerikanischen Giganten in den Schatten gestellt werden.
Dringlichkeit ohne Panik
„Ein Gefühl der Dringlichkeit ist gut, aber es gibt keinen Grund zur Panik“, sagt Jan van der Wel von Technolutions. „Wir müssen Ruhe bewahren und weiterhin Schritt für Schritt eine starke europäische digitale Infrastruktur aufbauen.“
Van der Wel ist der Ansicht, dass Politiker und Medien sich nicht von Panik leiten lassen sollten. „Die aktuellen geopolitischen Entwicklungen haben sie dazu gebracht, am lautesten nach Veränderungen zu rufen. Doch es ist effektiver, wenn die Regierung wie ein Schiedsrichter agiert. Sie hat ihre Aufgabe nur dann wirklich effektiv erfüllt, wenn alles reibungslos verläuft und man ihre Anwesenheit kaum bemerkt. Ruhiges, unauffälliges, aber zielgerichtetes Management.“
Nuancen und ein Gefühl für Realität
Die Debatte ist derzeit zu sehr von Emotionen geprägt, während ein Thema wie Datenstrategie eigentlich gesunden Menschenverstand und Differenzierung erfordert. „Es ist, als sollten wir plötzlich Angst davor haben, dass bestimmte Länder oder Parteien auf unsere Daten zugreifen können, dabei sollte deren Schutz schon immer Teil unserer Datenstrategie gewesen sein“, stimmt Jürgen Duijster von Transfer Solutions zu.
Wir müssen die Debatte differenzierter und realistischer gestalten. Ähnlich wie in den letzten Jahren liegt der Schlüssel unter anderem in einer hybriden Cloud-Architektur. Diese bestimmt, welche Daten in der Cloud geteilt werden können, welche in einer privaten Cloud besser aufgehoben sind und welche sogar lokal gespeichert werden sollten. Es ist nicht möglich, alle Daten auf einmal zu übertragen. Beginnen Sie daher mit den sensibelsten Daten und entwickeln Sie ein realistisches Bild dessen, was machbar ist. Dies basiert auf einer fundierten Datenklassifizierung.
Wissen und Expertise in den Niederlanden
Jan Bakker, Gründer und Mitinhaber von Avisi, vergleicht die Situation mit dem Aufstieg des Internets Anfang der 2000er Jahre. Damals gab es eine enorme Nachfrage nach IT und eine sofortige Kluft zwischen Softwareentwicklung und -management.
„Das war der Zeitpunkt, an dem Outsourcing und Mitarbeiterabordnung begannen. Damit ging aber auch viel Prozesswissen in den Niederlanden verloren“, sagt Bakker. „Die Lehre daraus ist, dass man Wissen und Expertise sehr schnell verlieren kann, wenn man Technologie auslagert.“
Bakkers Hauptaugenmerk liegt darauf, sicherzustellen, dass wir bei Bedarf von der amerikanischen Cloud wegkommen können. „Wir brauchen einen Plan B für den Fall, dass amerikanische Dienste keine Option mehr sind. Das geht über die Entwicklung lokaler Produkte und Dienstleistungen hinaus. Es geht vor allem darum, das richtige Wissen zu entwickeln und zu sichern.“
Investieren Sie in Kontinuität, nicht in schnelle Lösungen.
Der Aufbau einer europäischen Cloud ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Schnelllösungen wie das Kopieren bestehender amerikanischer Modelle oder temporäre Partnerschaften funktionieren nicht und lösen das grundlegende Problem der Abhängigkeit nicht.
„Was wir brauchen, ist ein struktureller und langfristiger Ansatz mit lokaler Eigenverantwortung, engagierter Zusammenarbeit von Unternehmern und gesellschaftlicher Relevanz mit Fokus auf digitale Souveränität, Resilienz und Innovation“, sagt Erik Leus von DEC-Alliance. DEC-Alliance ist ein Investmentfonds und eine Kooperationsallianz, die sich auf die langfristige Nachhaltigkeit niederländischer und europäischer Technologieunternehmen konzentriert.
Durch Investitionen in nachhaltige digitale Infrastruktur und robuste Lieferketten schaffen wir nicht nur eine Alternative, sondern stärken langfristig unsere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber etablierten Hyperscalern – wo sie wirklich benötigt wird. Dies erfordert strategische Entscheidungen und Visionen, die über den kurzfristigen Horizont hinausgehen. Unternehmen und Regierungen müssen gemeinsam in zuverlässige, innovative und skalierbare europäische Technologien investieren, die Generationen überdauern werden.
Helfen Sie mit, digitale Souveränität aufzubauen
Unser Aufruf ist eindeutig: Investieren Sie langfristig. Unternehmen und Regierung sollten bewusst Technologien wählen, die sicher und zuverlässig zu unserer digitalen Unabhängigkeit beitragen. Wir verfügen über das Wissen und die Innovationskraft, und die Dringlichkeit ist gegeben. Lenken wir die Diskussion auf Initiativen, auf die wir stolz sein können.


